Wenn die Seele ausbrennt

von Dr. Albert Kapune

Das Team von Burnout

Schüler des Aldegrever-Gymnasiums haben sich für ein Projekt im Literaturkurs mit dem Thema Burnout befasst. Dabei herausgekommen ist kein wackeliges Filmchen mit der Videokamera vom Discounter, sondern ein in allen Bereichen bemerkenswert professioneller Kurzfilm – den die Schüler jetzt auch online gestellt haben.

 

»Jeder kennt diese Tage, an denen einfach alles schief geht«, hört man Protagonistin Lina aus dem Off sagen, gespielt und gesprochen von Eva Pannock. Sie spricht mit einem erschöpften und niedergeschlagenen Ton in der Stimme, während man sie die Treppen im Alde hinaufrennen sieht, wie sie ihre Bücher fallen lässt, zu spät zur Klausur kommt und dafür vom Lehrer einen Rüffel bekommt. »Tage, an denen man den Anschluss und die Übersicht verliert, wenn man zu spät kommt, wo man nichts versteht und auf ganzer Linie versagt. Kaum zu glauben, dass man es sich Tag für Tag aufs Neue antut.« Die sieben Todsünden haben die Kreativität der Kunstund Kulturschaffenden seit jeher beflügelt, von den Malern Hieronymus Bosch und Marc Chagall über US-Filme wie Sieben bis hin zu Komponisten und Musikern wie Kurt Weill, Bryan Ferry oder den Simple Minds.

 

Nun ist der Reigen um einen Beitrag reicher. Zwar sind die Urheber nicht so prominent, aber dennoch ist das Ergebnis absolut sehenswert. Die Todsünden waren Gegenstand des aktuellen Literaturkurses der Stufe 13 am Aldegrever-Gymnasium. Eine kleine Gruppe wählte sich die siebte aus, Acedia – der schwer ins Deutsche übersetzbare Begriff bedeutet in etwa so viel wie eine Mischung aus Faulheit oder »Trägheit des Herzens«. Die Schüler sahen darin Parallelen zum Burnout-Syndrom, das derzeit die Medien beherrscht. Doch können auch Schüler schon an einem Burnout-Syndrom erkranken? Dass dem so ist, hat die Wissenschaft längst erwiesen – ein belastendes Klassenklima (wozu auch Mobbing zählen kann), hohe Erwartungen seitens der Eltern und ein entsprechend starker Leistungsdruck können zu den Auslösern gehören. Diese bekommt Lina in dem knapp zehnminütigen Film zu spüren: Der Vater macht sie zur Schnecke, ihr Freund macht Schluss, sie verliert ihren Nebenjob. »Ciao, ich bin raus« sind ihre letzten Worte im Film, dann sieht man eine Weile im Zeitraffer, wie sie von einer Brücke aus auf die Autobahn blickt. Ende offen.

 

Wer sich den Film ansieht, merkt, dass die jungen Leute nicht zum ersten Mal zur Kamera gegriffen haben. Christian Hollinger brachte Vorerfahrungen im Bereich Ton und Fotografie mit, Daniel Gröne hat unlängst »hobbymäßig« eine kleine Medienagentur gegründet. Gemeinsam führten sie Kamera und Regie. Drei Kameras, eine davon für die Zeitrafferaufnahmen, diverse Objektive, mehrerer Stative, ein Schwebestativ Beleuchtung durch Baustrahler, Tonaufnahme und Schnitt zwar am Heimrechner, aber mit professioneller Software, gemafreie Filmmusik – das Team hat nichts dem Zufall überlassen. Das Ergebnis ist technisch und inhaltlich überzeugend und beeindruckend – und im Prinzip reif für eine Bewerbung an einer Filmhochschule. »Ich hatte mich zwar mal für ein Studium in der Richtung Film und Design interessiert, aber derzeit sind solche Studiengänge förmlich überrannt«, erzählt Gröne. »Wenn der Wunsch irgendwann weiterhin bestehen sollte, würde ich vielleicht doch noch den Quereinstieg versuchen.«

 

Der Film steht online unter http://vimeo.com/36149911.

 

Soester Anzeiger, 08.02.2012 (kb)

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