Viel zu schade für die Tonne
von Dr. Albert Kapune
Wohin mit den Bergen von Fleisch? Eigentlich sollten Schnitzel und Steaks ja beim Discounter reißenden Absatz finden. Doch dann machte das Wetter den Einkäufern einer Marktkette einen dicken Strich durch die Rechnung, und das saftige Grillgut blieb liegen. Deshalb klingelte bei der Soester Tafel das Telefon – zum Glück. Vorsitzender Michael König kennt eine Reihe solcher Beispiele: »Es gibt von allem im Überfluss.«
Da wird einwandfreier Joghurt wegen eines falschen Etiketts aussortiert oder ein Bauer wird die Kartoffeln, die er überwintert hat, nicht los, weil der Großhändler im späten Frühjahr die neue Ernte ordert. Für den Hersteller von Feinkostsalaten ist es preiswerter, zu viele Portionen abzufüllen statt die Maschinen abzustellen.
Es gibt reichlich Menschen, die heilfroh sind, von dem satt zu werden, was andere nicht wollen. Der Klasse 6a ist es nicht gleichgültig, dass frische Lebensmittel in der Tonne landen. Deshalb besuchten die Jugendlichen gestern die Soester Tafel. Als sie im Essraum Platz nahmen, da stellten sich draußen schon die ersten Gäste ein, um für ein paar Cent eine Tüte mit Obst und Gemüse abzuholen. Sie begrüßen diese Möglichkeit zu sparen, um mit ihrem schmalen Einkommen über die Runden zu kommen. »Wir sammeln jeden Tag etwa 500 Kilogramm Lebensmittel ein«, berichtete Michael König.
Politiklehrerin Elisabeth Albers erarbeitet mit ihren Schülern das Thema »Unser Konsum und die Folgen für die Umwelt und andere«. Gestern wollten sich die Sechstklässler selber ein Bild davon machen, was es heißt, ganze Wagenladungen wegzuwerfen, nur weil die Tomaten nicht rot genug, der Kohlkopf zu klein und die Gurken zu krumm sind.
Elisabeth Albers: »Die Schüler sollen erfahren, dass die Soester Tafel einen doppelt positiven Beitrag in unserer Gesellschaft leistet. Zum einen begrenzt sie das ungeheure Ausmaß der Verschwendung von Lebensmitteln, und zum anderen kommen diese Lebensmittel Bedürftigen zugute.«
Die Jugendlichen lernen noch heimische Erzeuger kennen, die durch die Direktvermarktung auch die Produkte verkaufen, die sonst durch die Normen der Industrie liegen bleiben. Den Abschluss bildet ein »Eat-in«: Die Schüler setzen sich mit den angebotenen Waren auseinander, suchen Rezepte aus, kaufen ein, kochen und bieten die Gerichte kostenlos zum Probieren an.
Soester Anzeiger, 20.11.2010 (Köp.)
