Ulrich Mädel wurde verabschiedet

von Dr. Albert Kapune

Ulrich Mädel

Zur Verabschiedung unseres Kollegen Ulrich Mädel hielt Hans Heyer folgende kleine Rede, die wir hier leicht gekürzt dokumentieren:

 

Lieber Ulrich,

 

als einem der letzten Mohikaner unserer einst so stattlichen Fachschaft Physik ist mir folgerichtig das Verfassen und Vortragen der fälligen Laudatio zu Deinem Eintritt in die Altersteilzeit zugefallen. Da wir beide auch zur Fachkonferenz Mathematik gehören, spreche ich, so haben wir verabredet, für beide. Ich eröffne mit einem Doppelvierzeiler, der uns zum Thema bringen soll.

 

Ist ein Kollege very smart

Und von sehr angenehmer Art,

dann ist es niemand einerlei,

wenn er zu allen sagt: good bye.

 

Und geht`s dem Ruhestand entgegen

Üben Nachsicht die Kollegen,

Halten mit Kritik zurück

Reden freundlich mit Geschick. (Für die Stimmung ist’s ein Glück.)

 

Das ist sicher sinnvoll, denn was man sich an eventueller Kritik über die vielen Jahre nicht gesagt hat, muss man auch nicht am letzten Tag auftischen. Das Positive allerdings, das man sich im Alltag auch nicht ständig erzählt, sollte an so einem Tag, so wunderschön wie heute, angesprochen werden.

Für die Fachschaft(en), insbesondere für mich, warst Du immer ein Kollege im besten Sinne. Ein Kollege ist im Verwaltungsdeutsch ein Amtsgenosse. Für mich schwingt im Begriff Kollege mehr mit, was wir so positiv mit dem Begriff Kollegialität verbinden, die Verbundenheit mit den anderen Kollegen, diese professionelle Verbundenheit bei aller Distanz. Im Umgang mit Dir spürte man den menschlichen und fachlichen Respekt, den Du uns entgegen gebracht hast, die Kommunikations- und Hilfsbereitschaft, die Geduld und die Verlässlichkeit. In der gemeinsamen Arbeit erlebte man Dich ausgesprochen kompetent, dabei aber unauffällig und bescheiden.

 

In zahllosen Gesprächen über schulische, pädagogische oder allgemeine Probleme konntest Du mit ungewöhnlichen Sichtweisen und Ideen und mit feinsinnigem Humor überraschen. Als Dein designierter Nachfolger in der Betreuung der Physiksammlung kann ich nur vermuten, wie viel Arbeit, Engagement und Voraussicht investiert werden musste, um diese Sammlung auf den heutigen Stand zu bringen. Gemäß dem Sprichwort »Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit « hast Du ruhig, besonnen und beständig für die Installierung neuer, zeitgemäßer Medien und moderner Ausrüstung gesorgt.

 

Seit 1981 lautete der Antrag auf der ersten Fachkonferenz Physik des Schuljahres unter Tagesordnungspunkt »Wahl des Vorsitzenden«: »Wiederwahl – einstimmig angenommen.«

 

Die spitze Zunge zischt vielleicht: So kennen wir sie, haben’s sich wieder leicht gemacht. Weit gefehlt, er hat es uns leicht gemacht. Es war die für Dich charakteristische überlegte und unaufgeregte Art, als Vorsitzender der Fachkonferenz Physik mit den Dingen des Schulalltags umzugehen, die die Kollegen überzeugte. Klingt vielleicht ein bisschen poetisch, Lotse wäre eine treffende Bezeichnung. Die Prinz-Heinrichs-Mütze wäre auch ein gutes Dankgeschenk gewesen. In diesem Zusammenhang denke ich gern zurück an die versuchte Einführung des Gemeinschaftsfaches »Naturwissenschaften«. Diese pädagogische Luftblase hattest Du blitzschnell als solche entlarvt und das ganze leidige Problem im besten Kanzler Kohlschen Sinne ausgesessen. Wir haben uns aus tiefster Überzeugung nicht gerührt, sondern bis zur nächsten Landtagswahl abgewartet. Heute spricht niemand mehr über das Gemeinschaftsfach »Naturwissenschaften«.

 

Lieber Ulrich,

Abschied von Schule, das ist fast,

als wenn du eine Scheidung hast.

Das eine, das vermisst man sehr,

beim andern fällt`s nicht ganz so schwer.

 

Das Eine dürfte bei Dir der Umgang, das Arbeiten und Experimentieren mit den Schülern sein, sie zum naturwissenschaftlichen Denken oder überhaupt zum Denken anzuregen, in dem Bewusstsein durch Erfahrung, dass sich Erkältung leichter überträgt als Bildung.

 

Das Andere ist sicher das, was uns die Nach-PISA-Studien-Zeit beschert hat und weiterhin munter tut: hektische, fast hysterische Curricula-Überarbeitungen, immer wieder neue Curricula und dann Kerncurricula, dazu natürlich die so unvermeidlichen wie oft überflüssigen Implementationsveranstaltungen, aus denen man mit vor Ärger hochrotem Kopf herauskam, der Wahn der Ranglisten, der Evaluation und Selbstevaluation, die Wettbewerbs-und Kontrollmanie in unserer pädagogischen Landschaft innerhalb einer Gesellschaft, die auf höchster politischer und journalistischer Ebene Wissensgesellschaft genannt wird, wie ich meine allerdings auf dem Wege in eine bloße Informationsgesellschaft, die gegenwärtig keiner nachvollziehbaren Idee von Bildung mehr verhaftet ist, die sich gegenüber den Forderungen der Industrie auch im pädagogischen Bereich allzu nachgiebig zeigt.

 

[…]

 

Kommen wir zurück zu dem Einen, wir sprachen über das Denken. Kommen wir zurück zum »Zum Denken anregen« und damit auch zu einem Geschenk, das wir uns zum Abschied für Dich überlegt haben. Wir, das sind die beiden Fachschaften und das Gesamtkollegium. Anregen zum Denken: »Denken Sie selbst, sonst tun es andere für Sie« heißt der Bestseller von Vince Ebert, einem Physiker und Kabarettisten aus dem Odenwald.

 

Es geht um Denken für den Eigenbedarf, Denken oder Fühlen, Denken als Dienstleistung. Mit Übungen und Lösungen. Ein humorvolles Plädoyer für den eigenen Kopf. Dieses Buch ersetzt endlich nervige Halbbildung durch sympathisches Dreiviertelwissen (Auszug aus dem Buchdeckeltext).

 

[…]

 

Zum Geschenk einige Hinweise, die zum Denken anregen sollen: Der Nichtphysiker wendet sich ab, versteht nichts und weint bitterlich, der Physiker freut sich.

 

Achtung! Dieser Körper krümmt Raum und Zeit in seiner unmittelbaren Umgebung.

 

Bitte beachten! Auf Grund quantenmechanischer Effekte gibt es eine nicht zu vernachlässigende Wahrscheinlichkeit, dass dieser Körper entweder aufhört zu existieren oder in einen unbestimmten Zustand übergeht. Der Gebrauchswert ist davon jedoch nicht betroffen.

 

Warnhinweis! Dieser Körper zieht die gesamte Materie des Universums mit einer Kraft an, die dem Produkt der Massen proportional ist und mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt.

 

Vorsicht! Dieser Körper enthält das Energieäquivalent von 30 Mill. Tonnen TNT pro Gramm.

 

Hinweis: Auf Grund der HUR ist es nicht möglich festzustellen, wo sich das Geschenk momentan befindet und wie schnell es ist.

 

Warnung des Innenministers: Der Gebrauch dieses Geschenks erhöht die Unordnung im Universum.

 

Alles Gute, Ulrich!

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