Sonderlektion für kommende Forscher
von Dr. Albert Kapune
Viermal im Jahr tauschen sie den Klassenraum gegen den Hörsaal ein: Besonders begabte oder interessierte Mathematik-Schüler der Orientierungsphase am Alde. Zahlentheorie steht an diesem Tag auf dem Lehrplan. Nicht eine Schulstunde lang, sondern einen Tag, von 9 bis 15 Uhr. Nicht in der Schule, sondern im Hörsaal. Zahlentheorie? Ist Mathe nicht schon theoretisch genug? Laut Definition handelt es sich dabei um ein Teilgebiet der Mathematik, das sich im weitesten Sinn mit den Eigenschaften der Zahlen beschäftigt. Teilgebiete sind beispielsweise die elementare oder arithmetische Zahlentheorie – eine Verallgemeinerung der Arithmetik, die Lehre von den Diophantischen Gleichungen, die analytische Zahlentheorie und die algebraische Zahlentheorie.
Als Laie ist einem damit immer noch nicht geholfen. Das gilt nicht für die 14 Schüler im Auditorium. Die Gymnasiasten der Orientierungsstufe wurden von ihren Lehrern als besonders begabt oder interessiert eingestuft und nehmen zum dritten Mal an einer solchen Veranstaltung der FH teil. Ziel der Aktion: »Die nächsten Jungforscher zu gewinnen«, gibt Dr. Andreas Pallack, Mathe-Lehrer am Alde, die Losung aus. Jene Forschungsprojekte sind es, die das Fach für die Alde-Schüler spannend machen. Die Mathematik aus der Theorie befreien und den Schüler beweisen, was man alles mit ihr machen kann, wo sie einem im Alltag überall begegnet und welch spannende Projekte sie ermöglicht – das ist das Ziel seiner Arbeit, über die auch yourzz.fm immer wieder berichtet. So verwundert es nicht, dass in diesem Jahr gleich zehn solcher Projekte beim Regionalwettbewerb Jugend forscht antreten. Pallack: »Mathe trifft man übrall im Alltag an. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, ist ein ganz wichtiges Ziel im Unterricht – das heraus zu schälen kann aber auch ganz schön haarig sein«. Dazu ist die Schule eine Kooperation mit der Soester FH eingegangen, während der vorlesungsfreien Zeit, in der also die Fachräume und Hörsäle leerstehen und die Dozenten genügend Zeit haben.
Dritter Partner ist Dr. Ralf Benöken von der Uni Münster, der streng wissenschaftlich Begabungen diagnostizieren kann. Der Nachwuchsförderung haben sich nämlich sowohl Pallack als auch Prof. Dr. Wieland Richter, Mathematiker im Fachbereich Maschinenbau-Automatisierungstechnik, verschrieben: Pallack ist im Bundesvorstand der deutschen Mathematiker-Vereinigung, Richter steht dem Verein Begabtenförderung Mathematik vor, der sich mittlerweile aber vorrangig an mathematisch Interessierte wendet: »Denn Organisationen, die sich um die Hochbegabten bemühen, gibt es zwischenzeitlich reichlich.« Gestern also führte Richter die Schüler in einem Tagesseminar die Welt der Zahlentheorie ein, zeigte ihnen, welche Bedeutung sie gewonnen hat durch die Kryptographie. Das hat nichts mit den Büchern von Dan Brown zu tun, sondern eher mit der Verschlüsselung von Chip-Karten. Dort sorgt sie dafür, dass bargeldlose Zahlungsvorgänge reibungslos und sicher ablaufen.
Im Mai geht die Mathe-Expedition in ihre vierte und letzte Runde. Auf dem Lehrplan steht dann ein Teilgebiet der Stochastik: Randomized- Response-Technik. Die gehört eigentlich der Psychologie an und soll helfen, bestimmte Verfälschungen von Interviewantworten zu verringern – basiert aber auf Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Soester Anzeiger, 24.02.2012 (kb)
