Sie will im Weg stehen
von Dr. Albert Kapune
Ist sie es nicht manchmal leid? Hat Hanna Poddig nicht schon einmal daran gedacht, alles hinzuschmeißen, sich nicht mehr an Schienen zu ketten, Züge mit Uranmüll zu stoppen, Militärtransporte zu blockieren, vor Kernkraftwerken zu demonstrieren? Ist es nicht anstrengend, ständig anders zu sein, dafür Ärger zu bekommen und Anfeindungen ausgesetzt sein? Sogar freiwillig in den Knast zu wandern? Würde sie nichts tun, einfach den Mund halten, dann ginge es ihr wesentlich schlechter, beantwortete die 27-Jährige die Frage einer Schülerin.
Sie bezeichnet sich als Widerstandsnomadin, als Berufsrevolutionärin und Vollzeitaktivistin. Und sie wünscht sich eine Welt, »in der die Menschen sich auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam besprechen, wie sie miteinander leben möchten«. »Was können wir rausholen aus den Möglichkeiten, die wir haben«, nannte die 27-Jährige bei ihrem Besuch im Aldegrever-Gymnasium eine der Fragen, die sie immer wieder antreibt. In den Philosophie-Leistungskursen mit Lehrer Bodo Dreves ging sie auf ihre Aufund Ablehnung ein: gegen Atomenergie, Gentechnik, Rüstung, Verschwendung von Lebensmitteln. Sie will nicht den Mund halten, nicht alles schlucken, sondern Raum schaffen für Debatten. Und sie macht im Alltag vor, dass sie es nicht bei Lippenbekenntnissen belässt: Sich aus dem Container zu ernähren, also das zu essen, was andere mit vollen Händen wegwerfen? »Das ist möglich«, sagt sie.
Ihre Botschaft: Eigentlich ist es ganz leicht die herrschenden Verhältnisse zu verändern. Jeder kann das, er muss nur bei sich selber anfangen. Deshalb besetzt Hanna Poddig Genmaisfelder oder klettert mit einem »Kohle- killt-Klima«-Banner aufs Brandenburger Tor. Denn: »Man muss den Normalbetrieb stören und die Leute irritieren, damit sie hinschauen.« Sie möchte unbequem sein und im Weg stehen, schildert die junge Frau – und vor allem nicht von jedermann gemocht werden. Aber als Einzelkämpferin sieht sie sich nicht: »Es sind viele nötig, damit Aktionen glücken.« Wie weit sie gehen würde, um Einwände und Empörung zu verdeutlichen, hakte einer der Schüler interessiert nach. Macht es ihr denn nichts aus, vom legalen Weg abzuweichen? »Es gibt Konflikte«, meint Hanna Poddig, »da schreckt das Überschreiten von Gesetzen nicht ab.« Mehrere Wochen verbrachte sie kürzlich im Gefängnis: Sie war zu einer Geldstrafe verurteilt worden, wollte sich »nicht freikaufen« und erst recht nicht an den Staat zahlen. Deshalb saß sie ein – auch eine Form des politischen Protestes.
Soester Anzeiger, 18.01.2013 (Köp.)
