Selbstfindung auf der Bühne

von Dr. Albert Kapune

Marie liegt am Boden, zusammengekauert an der Grünsandsteinmauer. Die anderen Jugendlichen schlagen und treten auf sie ein. Manche filmen mit ihren Handys. Andere schauen bewusst weg. Marie hat keine Chance. Wenig später ist sie tot. Marie hat sich das Leben genommen, sie ist 14 Jahre alt geworden. »Es war nur ein Spaß«, sagen die, die getreten, gefilmt und weg geschaut haben später.

 

Sie sagen es vor mehr als 100 Leuten auf der Bühne der Alde-Aula. Die hässliche Film- Szene auf dem Kopfsteinpflaster der Burghofstraße ist der Ausgangspunkt für das Windows X-Perience, die zweite Eigenproduktion der Theater-AG des Aldegrever-Gymnasiums. Es war kein leichter Stoff, den sich die Schüler da zum Thema gemacht haben. Treten, schlagen, filmen – das kann jeder. Aber den Blick auf das eigene Leben richten, sich mit der eigenen Biografie beschäftigen, sich selbst den Spiegel vorhalten, das ist deutlich schwerer, als die Handykamera auf ein wehrloses Opfer zu richten. Und so beleuchteten die Schüler nicht nur das Leid des Opfers, sondern vielmehr die Schwächen der Täter.

 

Da ist die zynische Rachelle, deren Vater als Soldat im Irak einfach verschwunden ist. Da ist die drogensüchtige Nina, die sich vor ihren Problemen versteckt, sich nicht damit auseinandersetzen möchte. Oder Stefanie, die Außenseiterin, die sich mit coolen Sonnenbrillen und Lipgloss Freundschaft erkaufen möchte. Und so lernt der Zuschauer neun unterschiedliche Jugendliche und ihre Geschichten kennen. Doch so unterschiedlich, wie sie zunächst scheinen, sind die Jugendlichen gar nicht. Sie alle eint die Suche nach sich selbst.

 

»Selbstfindung war das zentrale Thema in unserem Stück. Im Laufe der Arbeit hat sich herausgestellt, dass das teilweise auch relativ nah dran ist an den eigenen Biografien der Schüler«, sagt Lehrer Thomas Jacob, der die Theater-AG leitet. Auf der Alde-Bühne waren es zwei Pseudo-Wissenschaftler, die die Schüler dazu zwangen, sich selbst den Spiegel vorzuhalten. »Findet raus, warum ihr hier seid oder ihr werdet krepieren«, drohten die beiden wenig einfühlsam. Eingesperrt in einem Raum, in dem Muskeln und Make-up nicht mehr zählten, waren die, die geschlagen, getreten und gefilmt haben, plötzlich die Schwachen. Der Blick auf das eigene Ich kann weh tun, vor allem dann, wenn man sich jahrelang davor versteckt hat.

 

Der Alde-Theater-AG ist ein Stück gelungen, das hinter die Oberfläche schaut und bedrückend nah an der Realität ist. Es waren 90 Minuten aus der Mitte des (Schüler-)Lebens. 90 Minuten, die in den Köpfen des Publikums auch nach dem donnernden Applaus noch nicht zu Ende sind.

 

Soester Anzeiger, 10.09.2012 (mo)

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