Schöne neue Welt
von Dr. Albert Kapune
Das Comenius-Projekt am Alde ist zuende. Ein fünftes und letztes Mal trafen sich Schüler aus vier Nationen, um Fragen der Zukunft zu erörtern. »Manchmal war es ganz schön schwer, dystopische Gedanken rauszuhalten.« Pia Dieckmann hat sich mit einigen anderen Schülern Gedanken darüber gemacht, wie es in 20 Jahren um die Religionen bestellt sein wird. Diese Arbeit war Teil der Abschlussrunde am Comenius-Projekt am Alde, zu der die Europaschule und seine drei Partnereinrichtungen aus der Türkei, Polen und der Slowakei sich reihum besucht hatten – Ausgangs- und Endpunkt war das gastgebende Alde.
Am Wochenende fuhren die Gäste wieder heim. Bis dahin hatten sie sich intensiv mit Fragen der Zukunft auseinander gesetzt. In den vier vorangegangenen Treffen hatten sie vier Themenkomplexe behandelt – damals noch mit dem Fokus auf die Gegenwart. Nun ging es darum, wie sich die Situation in 20 Jahren darstellen mag. Einzige Voraussetzung: Es müssen positive Visionen sein, sprich, Utopien, keine negativen, also keine Dystopien. Und mitunter verwischen dort die Grenzen, wie beim Thema Religionen. Eine friedliche Koexistenz aller Religionen wäre da laut der Gymnasiasten möglich, vielleicht auch eine einzige gemeinsame Weltreligion oder zumindest eine Ökumene aus Katholiken und Protestanten, und dass Jugendliche sich wieder stärker dem Glauben zuwenden. Dass es keine Religionen gibt, wäre aus Sicht der Schüler eine Dystopie – Atheisten sähen das sicherlich anders.
Weniger zweischneidig ist die Sache beim Thema »Lifestyle«. Hier ging es den Schülern nicht allein um Entwicklungen wie recycelte Kleidung – die sie auch herstellten und dazu eine Modenschau aufführten – oder elektrisch beleuchtete Kleidung, wie Popstar Katy Perry sie bereits trägt, sondern auch um die Frage der Bezahlbarkeit: »Denkbar wäre doch auch eine Modebibliothek, in der man sich nicht bloß Kostüme, sondern Alltagskleidung ausleihen kann«, erläutert Nicole Carrie die Ergebnisse ihrer Gruppe.
Der Frage nach der Musik der Zukunft gingen derweil besonders die Slowaken nach und drehten sogar einen Videoclip zur selber am Computer erstellten elektrischen Musik. Wünschenswert, aber wenig aussichtsreich, weil eben gemäß der Aufgabenstellung völlig utopisch, fällt die Ernährung der Zukunft aus: Kein Fast Food, keine Fertigprodukte, nur regionale Bio- Produkte, kein Alkohol (»ein Bier pro Tag ist jedoch erlaubt«), Zigaretten und sonstige Drogen sind komplett verboten, der Staat finanziert die gesamte Prävention, da sich so die Kosten für spätere Heilmaßnahmen verhindern lassen. Die Schüler schrieben hierzu die fiktiven Tagebucheinträge eines Mädchens der 2030er Jahre.
Auch der Nutzung der sozialen Netzwerke haben die Schüler positive Seiten abgewinnen können. Mit der steigenden Vernetzung der Länder untereinander fallen auch die letzten Grenzen. Schulunterricht findet virtuell statt, Roboter nehmen den Menschen bestimmte Aufgaben ab. Im Prinzip steht auch hier wieder die Frage im Raum: Ist das nun Utopie oder doch eher Dystopie? Keine Utopie ist es, dass die Ergebnisse des Comenius-Marathons schnell im Internet landen: Aldelehrer Dr. Christian Krampe verzichtete sogar auf das Abschlussbüfett mit den Schülern, um die Internetseite fertig zu stellen und online zu bringen: www.comenius2013Soest.wordpress.com.
Soester Anzeiger, 11.06.2013 (kb)
