Perspektivwechsel
von Dr. Albert Kapune
Für eine Stunde wechselten sie die Seite und standen selber vor ihren Mitschülern – nicht als Lehrer, sondern als Referenten. Zwei Stunden lang schilderten die Aldegrever-Gymnasiasten der Qualifikationsphase ihren jüngeren Mitschülern aus der Orientierungsphase, was sie in Kürze erwartet.
Pia Mayweg und Leonie Rüther stehen vor gerade einmal einem Dutzend Leutchen. Das Interesse an Sigmund Freud scheint nicht allzu groß zu sein. »Weiß jemand, was der Oedipus-Komplex ist«, fragen sie in die Runde und nach einigen Sekunden ratlosen Schweigens kommt eine zögerliche Antwort aus dem kleinen Plenum: »Oedipus, war das nicht der Grieche, der die eigene Mutter geheiratet hat?« Die Psychoanalyse und ihr Begründer Freud sind Thema im Pädagogik-Unterricht, den Pia und Leonie hier vorstellen. Ihr Vortrag ist einer von insgesamt acht, die gestern in der siebten und achten Stunde am Alde stattfanden.
Die Schülervorlesungen hatte die Schule schon vor drei Jahren eingeführt und anfangs die Zuhörer noch zugeordnet. Mittlerweile dürfen sie die Veranstaltungen ganz demokratisch nach eigenem Interesse wählen, indem sie sich auf Listen eintragen. Die Anwesenheit wird jedoch kontrolliert – jede Demokratie hat ihre Grenzen. Andere Themen haben mehr Zulauf: Aileen Solomon und Anabel Drolshagen stellen die Portraitmalerei im Kunstunterricht vor und zeigen, welche Prominenten und historischen Persönlichkeiten dabei auf der Leinwand festgehalten wurden: »Und hier, Bob Marley.« »Unsinn«, schallt es zurück, »das ist Jimi Hendrix.« Die Schüler, die die Arbeit der Englischkurse halten, sind angehalten, dies natürlich in der besagten Fremdsprache zu tun – dennoch ist der Raum rappelvoll. Die Französisch-Spezis stellen bestimmte Regionen des Landes vor, die Mathe-Cracks ihre Spidercam und forensische Methoden in der Kriminalistik, bei den Deutschkürslern geht es um Fabeln und andernorts wird über Wege zum Glück philosophiert.
»Damit wollen wir die Schüler auf den Geschmack bringen, selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten«, verdeutlicht Schulleiter Martin Burghardt Sinn und Zweck der Aktion. Die Themen suchten sie sich selber aus, die Fachlehrer unterstützten sie dabei. Danach hatten sie zwei Monate Zeit für die Vorbereitung. »Zum anderen bekommen die jüngeren Schüler dadurch schon einen Einblick, was sie in der Qualifikationsphase erwartet.« Probleme, Schüler zu finden die sich freiwillig als Referenten vor ein Publikum wagen wollen, gebe es nicht, so Burghardt weiter: »Wir mussten es sogar ein wenig reduzieren.« Auf den Zeugnissen ginge dieses zusätzliche Engagement unter »sonstige Mitarbeit« ein, besonders gute Beiträge werden in der Jahresschrift, dem Alde-Spiegel, abgedruckt. Außerdem überlegt das Alde, diese Vorträge auch in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule öffentlich zu machen. Burghardt: »In diesem Jahr hat es noch nicht geklappt. Aber auf diesem Weg könnten wir den Erwachsenen mit interessanten Themen zeigen, wozu unsere Schüler in der Lage sind.« Beeindruckt seien auch die Schüler – mitunter so sehr, dass es zu ungewöhnlichen Szenen kommt, hatte Burghardt vor einem Jahr beobachtet: »Da haben einige Schüler der Orientierungsphase ihre älteren Mitschüler gesiezt, als wären sie Lehrer.«
Soester Anzeiger, 23.02.2012 (kb)
