Nur Befehle befolgt?
von Dr. Albert Kapune
Die Bühne ist fast leer: Ein Tisch, ein Stuhl, zwei Akteure. Die Szene ist bedrückend, das Thema ebenso: Der Prozess um den Nationalsozialisten Adolf Eichmann wurde gestern von Bernd Surholt und Harald Schandry von den Hannoverschen Kammerspielen in der Aula des Aldegrever-Gmynasium als sezenische Lesung auf die Bühne gebracht.
Eichmann war für die Deportation und Ermordung von rund sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg mitverantwortlich. Am Ende des Krieges flüchtete er 1945 nach Argentinien, wo er sich unter neuem Namen ein neues Leben aufbaute. 1960 wurde Eichmann vom israelischen Geheimdienst nach Israel entführt, ihm wurde der Prozess gemacht und er wurde 1962 hingerichtet. Auf die Protokolle des Prozesses stützte sich die Inszenierung der Kammerspiele. »Ich habe mit der Vernichtung nichts zu tun gehabt. Ich habe nur Befehle befolgt«, erklärte Eichmann auf der Bühne dem israelischen Hauptmann, der ihn verhörte. Dessen Familie war selbst von den Nazis ermordet worden. »Aber das ist ja entsetzlich«, so die zynische Antwort des Gefangenen.
Viele der jungen Zuschauer beschäftigte die Frage, warum Eichmann später niemals Reue zeigte und kein Gefühl für seine Verbrechen aufbrachte. Im Anschluss diskutierten die Schauspieler Surholt und Schandry mit den Schülern der Stufen 12 und 13. »Konnte man im Nazi-Regime Befehle verweigern?«, fragte ein Schüler. »Was ist mit der Familie Eichmanns passiert?«, »Bis wann durften die Juden aus Deutschland auswandern?«, so die Fragen der Schüler. Surholt und Schandry erzählten eindringlich von der grausamen und menschenverachtenden Maschinerie der Juden-Vernichtung in Auschwitz.
Soester Anzeiger, 16.11.2012 (agu)
