»Ein Gefühl, das man nie vergisst«
von Dr. Albert Kapune
Dieses Gefühl am Morgen vor einer großen Prüfung, das kennen sie alle noch. Auch noch 60 Jahre danach. Dort, wo im Aldegrever-Gynasium heute Morgen die letzten schriftlichen Abiturprüfungen stattfinden, saßen sie damals auch. Es war im Sommer 1953, als am Alde der erste Jahrgang in der wieder aufgebauten Schule Abitur machte. 13 junge Männer schafften damals die Reifeprüfung.
Heute sitzen sie bei Kaffee und Eis am Soester Marktplatz und erinnern sich an die Zeit, die nun schon sechs Jahrzehnte her ist. »Wir haben ein anspruchsvolles Abitur«, sagt Walter Lutter, er war damals Klassensprecher. Deutsch, Mathematik, Physik und Latein – das sind die Fächer, mit denen man am Alde Abitur machte. »Mit Förderung war da nicht viel, wer es nicht verstanden hat, musste zusehen, wie er klar kommt«, erinnert sich Lutter. »Das Aussieben war schon eine bittere Sache«, findet er. »Eine Eins zu schreiben, das gab es damals fast gar nicht. Wer kann denn so gut sein, dass er ›Sehr gut‹ ist?«, fragt ein anderer. Doch dafür sei das Abitur auch noch etwas wert gewesen. »Im Grunde gab es keine Ängste vor der Zukunft, jeder konnte werden, was er wollte.« Das sei heute anders.
Während einige Schüler heute Morgen nach acht Jahren auf dem Gymnasium ihre Abiturprüfungen schreiben, waren Lutter und seine Klassenkameraden ganze zehn Jahre auf dem Gymnasium. Sie haben das mit erlebt, was heute in den Geschichtsbüchern steht: Der zweite Weltkrieg. Der Bombenangriff in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 1944. In der Nacht, in der Soest brannte, wurde auch die »Oberschule für Jungen« zerstört. Lutter erinnert sich noch genau, wie sie damals in der Ruine ihrer Schule standen und Steine gepichelt haben, »die sollten ja wieder verwendet werden.« Unterricht im Zwei- Schicht-System Nach einem Jahr Pause begann dann der Unterricht wieder. Ein paar hundert Meter stadtauswärts im Gebäude des Archigymnasiums. Es war Unterricht im Zwei-Schicht-Betrieb. Morgens die Archi-Schüler, mittags die Alde-Schüler. 1953 dann schließlich das Abitur. Genau dort, wo auch heute Morgen wieder Schüler über ihren Prüfungen schwitzen werden. Es ist ein Gefühl, dass man nicht vergisst – selbst nach 60 Jahren nicht.
Soester Anzeiger, 22.04.2013 (mo)
