Der Starkoch aus dem Nichts
von Dr. Albert Kapune
Das muss man sich erst einmal trauen: Eine Gruppe junger Gymnasiasten lädt am Freitag in die Schulaula zum Theaterabend ein. Aber sie hat nichts mitgebracht außer einem rosa Weihnachtsbaum, einem schwarzen Flügel und einer Bühne. Mehr nicht. Kein Drehbuch, keinen Plan – gar nichts.
Doch war die achtköpfige Truppe unter der Leitung von Thomas Jacob alles andere als unvorbereitet, als sie zum »Pink Christmas« ins Aldegrever-Gymnasium lud. Schließlich trifft sich die neue Impro-AG seit den Sommerferien regelmäßig und übt, wie man auch ohne auswendig gelernte Dialoge ein Publikum unterhalten kann.
Bei diesem ersten Auftritt der jungen Gruppe waren es zwar nur gut 40 Zuschauer, die zielsicher den Weg zum »Irrland« gefunden haben. Aber die kecken Nachwuchsschauspieler auf der Bühne schien das kaum zu stören. »Wir sind halt noch nicht so bekannt, außerdem laufen in der Adventszeit auch hier in der Schule viele Sachen parallel«, sagte Thomas Jacob nach der Premiere.
Spontanes Spiel ohne Plan, aber nicht planlos
Die war wirklich gelungen – auch ohne Plan. Jacobs Bruder, der Moderator Gunnar Hamann, bittet die Zuschauer ihre liebsten Speisen zum Weihnachtsfest in den Raum zu rufen, einfach so und völlig durcheinander. »Raclette essen« schnappt Hamann schließlich auf.
Dieses Schlagwort reicht, um Laura Schilz zur Interviewierin werden zu lassen. Spontan befragt sie Thomas Jacob, der kurzerhand zum Fachmann für geselliges Brutzeln ernannt wird, zur Brattechnik des hoch favorisierten chinesischen Star-Koches bei den Raclette-Weltmeisterschaften.
In Zeitlupe schält dieser Gurken, während Schilz und Jacob dem internationalen TV-Publikum erklären, dass sich die italienische Konkurrenz beim letzten Wettkampf eine Rippenpreller zugezogen hat. Das passiert alles spontan, ohne Plan. Und es funktioniert.
»Mit unserer ersten Aufführung kann man wirklich sehr zufrieden sein«, freute sich Thomas Jacob, der schon in seiner Heimatstadt Halle Impro-Theater spielte. Von dort nahm er nicht nur die Leidenschaft für das Spontanspiel, sondern auch den Namen seiner früheren Gruppe »Irrland« mit in die Börde. Nachdem er am Soester Alde zunächst zwei Schul-Theater-Gruppen geleitet hatte (der Anzeiger berichtete), legte er das Textheft wieder zur Seite und rief die Impro-AG ins Leben.
»Das ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, was die Schüler hier praktisch aus dem Nichts auf die Bühne bringen«, lobte Jacob. Es gebe zwar vorher grobes Konzept und die Spieltechniken seien in den Grundzügen bekannt, doch die Inhalte kommen spontan.
Nach der Premiere seien die Schülerinnen jetzt natürlich »ganz heiß« auf weitere Aufführungen. Die solle es auch auf jeden Fall geben, verspricht der Lehrer: »Ende März oder Anfang April werden wir wohl wieder auf der Bühne stehen.« Dann werden seine Schützlinge wieder mutig sein und völlig ohne Plan in die Aula ihrer Schule einladen.
Das muss man sich erst einmal trauen.
Soester Anzeiger, 20.12.2010 (mo)
