Das Leben mit dem Tod
von Dr. Albert Kapune
Sie schimpften, schrien, schlugen. Solche Bilder gehen der fast 80-jährigen Halina Birenbaum durch den Kopf, wenn sie an ihre Kindheit denkt. Sie überlebte die Grauen des Holocausts – das Warschauer Getto, die Vernichtungslager Majdanek und Auschwitz. Ihre ganze Familie kam um. Als knapp 16-Jährige kehrte Halina Birenbaum völlig verwaist zurück – »als ob ich aus einem Stein geboren wäre«. Ihr blieb nichts, nur die Erinnerung an ihre Lieben.
Die Mutter zweier Söhne, die aus Polen stammt und später nach Israel ging, erzählte gestern im Aldegrever-Gymnasium ihre Geschichte, von den quälenden Ängsten damals, von ihrer tiefen Verzweiflung, vom Schmerz und vor allem auch von ihrer Panik, im Martyrium schließlich auch noch die Mutter zu verlieren: »Ich hielt ihre Hand, ich umarmte sie, um nicht ganz verloren zu sein. Ich fragte mich immer, wann wir wohl an der Reihe sind.« »Alle müssen einmal sterben, doch wir bleiben zusammen«, habe die Mutter einmal zu ihr gesagt. Sie wurde in den Tod getrieben, die Tochter blieb zurück: »Mama war nicht mehr da.«
Vor Halina Birenbaum saßen Jugendliche der Jahrgangsstufe 12 und 13, mit ihnen sprach sie über das Leben mit dem Tod. Und sie machte deutlich: »Die Hoffnung stirbt zuletzt.« Denn: »Die Vergangenheit lebt in der Gegenwart.« »Ich war die Nummer 48693.«
Es ist der Fachschaft Geschichte wichtig, die Stimmen derer anzuhören, die noch aus persönlicher Perspektive darüber berichten können, was geschehen ist. Deshalb setzt sie die Veranstaltungsreihe Begegnung mit Zeitzeugen um. Gut anderthalb Stunden umriss Halina Birenbaum ihren Leidensweg, der nach dem deutschen Überfall auf Polen begann. »Ich war gerade erst zehn Jahre alt.«
Sie stemmte sich gegen die Mauer des Todes. »Plötzlich war ich nicht mehr Halina, sondern die Nummer 48693«, schilderte die Autorin. Sie spürt ständig der Wahrheit nach, möchte den nackten Zahlen über die Millionen ermordeter und misshandelter Opfer ein Gesicht geben. Deshalb besucht sie auch jetzt wieder zahlreiche Schulen, um ergreifend über ihre Erlebnisse zu berichten. Das geschieht mit viel Wärme, es ist ein Blick zurück ohne Zorn.
Halina Birenbaum führte die Jugendlichen gestern in eine Welt des nicht enden wollenden Schreckens. »Die Tore waren offen, wir waren frei …«, beschrieb sie den Tag der Befreiung. Wie ihr damals zumute war? »Ich hatte den Himmel und die Sonne gesehen, und ich wollte sie sehen noch und noch.«
»Was haben Sie gefühlt, als sie aus dem KZ kamen?«, hakte ein Schüler nach. Die Antwort lautete: »Erst habe ich nichts gespürt. Doch ich sah auch, wie schön der Flieder blüht.«
Soester Anzeiger vom 27.08.2009
Halina Birenbaums Schilderung ihrer Jugend im Ghetto und KZ gibt es auch auf DVD
Und noch ein Buchtipp:
Halina Birenbaum: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aufbruch in die Vergangenheit.
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Verlag Staatliches Museum in Oswiecim 2008
»Die eintätowierte Nummer auf meinem linken Arm – die Kennmarke von Auschwitz – erregt heute die Aufmerksamkeit vieler Menschen. Für die einen ist es ein merkwürdiges, unverständliches Zeichen, für andere die schmerzliche Erinnerung an die grausamen Zeiten des Nazismus. Für mich hingegen ist es in gewissem Sinne ein Reifezeugnis aus der Zeit, in der ich das Leben und die Welt in ihrer nacktesten Form kennenlernte, den gnadenlosen Kampf um ein Stück Brot, einen Atemzug Luft, ein bißchen Platz; aus der Zeit, in der ich gelernt habe, die Wahrheit von der Täuschung zu unterscheiden, den Ausdruck menschlicher Gefühle von tierischen Instinkten, Güte und Edelmut von Bosheit und Niedertracht. Ich entkam dieser Hölle dank dem Sieg der Roten Armee. Ich war damals fünfzehn Jahre alt.«
