Das Aldegrever-Gymnasium hilft

von Dr. Albert Kapune

Am 1. Juni 2011 bekam das Aldegrever-Gymnasium Besuch von einem Gast aus Guatemala, Herrn Dr. Aponte, der auf Vermittlung der Jürgen-Wahn-Stiftung Soest in Deutschland weilte. Dr. Aponte arbeitet seit vielen Jahren als Kontaktmann für die Soester Stiftung in Guatemala, um deren dortigen Projekte wie das Mikrokreditprogramm oder das Projekt Casita amarilla (Gelbes Haus) zu koordinieren.

 

Zunächst machte Dr. Aponte eine kurze geographische Einordnung des Landes Guatemala, das mit 100000 km² Fläche nur ein Fünftel der Fläche Deutschlands ausmacht, auf der 12 Millionen Menschen leben, womit die Bevölkerungsdichte also wesentlich geringer ist als bei uns. Die Darstellung des Lebens an, auf und von der großen Müllkippe am Rand von Guatemala-City war dann der erste Schwerpunkt des Vortrages. Als Hintergrundinformation fügte Dr. Aponte an, dass 73 % der guatemaltekischen Bevölkerung als arm gelten, die meisten von ihnen gehören zur Gruppe der Indigenas, d. h. zu den Ureinwohnern, denen nach der Eroberung durch die Spanier nur unfruchtbare Landflächen zugewiesen wurden.

 

Das Leben und Arbeiten an der Mülldeponie ist dabei in einer klaren Hierarchie gegliedert, indem sieben Zwischenschenhändler, die Dr. Aponte als mafiös organisiert bezeichnete, den Handel unter sich ausmachen. 9000 Menschen arbeiten auf der Deponie, sie haben sich auf bestimmte Produkte wie Plastik, Aluminium, Textilstoffe, Eisen, Pappe oder Schuhe spezialisiert, die sie dann aus den neu ankommenden LKW-Ladungen herausholen. Die Zwischenhändler geben nur ein Drittel des Marktpreises an die Sammler weiter, die oft unter Lebensgefahr nach Verwertbarem suchen, da es in den Hängen der Halden häufig zu Abbrüchen kommt, unter denen dann jugendliche oder erwachsene »Müllmenschen« verschüttet werden. Allein im Jahr 2010 sind 50 Müllsammler ums Leben gekommen. Nur wer von der Stadtverwaltung eine Art »Sammlerausweis« unter korrupten Bedingungen bekommt, darf sammeln, sonst droht ihm brutale Gewalt durch die herrschenden Clans. An der offenen Deponie arbeiten auch Kinder, in dem eingezäunten Bereich nur Sammler ab 16 Jahren. Die gesundheitlichen und hygienischen bzw. sanitären Arbeitsbedingungen sind katastrophal.

 

Diese Situation hatte 1994 die Hilfsorganisation Cafnima in Zusammenarbeit mit der Jürgen-Wahn-Stifung dazu veranlasst, ein Projekt für die Betreuung der »Müllkinder« ins Leben zu rufen. Ein Haus wurde errichtet als Anlaufstation, gelb gestrichen, daher der Name Casita amarilla. Zur Zeit sind 107 Personen in sogenannten Alphabetisierungskursen, innerhalb von drei Jahren kann der Mittelschulabschluss erworben werden, es gibt Sport- und Bastelangebote, eine psychologische Betreuung für misshandelte und traumatisierte Kinder und Jugendliche ist ebenfalls möglich. 22 Jugendliche aus der Casita amarilla haben in den letzten Jahren sogar den Fachoberschulabschluss erreicht, vier davon arbeiten nun als Lehrer in der Casita, vier sind zur Uni gegangen, einige arbeiten im Bereich der Mikrokredite, nur ein Jugendlicher arbeitet noch auf der Deponie; einige Frauen haben eine eigene Familie gegründet.

 

Dr. Aponte stellte dann noch das Projekt der Mikrokredite vor. 550 Kleinkredite seien in den letzten Jahren vergeben worden, 470 an Frauen und 80 an Männer. Folgende Kleinunternehmungen sind dadurch gegründet worden:

  • Reinigung von Kunststoffbehältern, die dann zu neuen Verwendungen weiterverkauft werden
  • Tortillaverkauf
  • Aufbereitung von Gebrauchtkleidung
  • Blumenverkauf
  • Züchtung von Hühnern
  • Betreiben eines Kiosks
  • Aufkauf von Säften und Weiterverkauf.

Durch diese Projekte werden den Armen neue berufliche und damit auch persönliche Perspektiven eröffnet, wodurch sie auf Dauer dem Teufelskreis der Armut entkommen können. Auch als am 2. Juni 2010 der Hurrican Agatha über die der Mülldeponie benachbarten Favelas hinwegzog und viele der primitiven Hütten zerstörte, kamen Jugendliche der Casita amarilla zum Einsatz, um die Hütten wiederaufzubauen mit Geldern aus Spenden der Jürgen-Wahn-Stiftung. Echte Hilfe zur Selbsthilfe also, die die Stiftung hier geleistet hat.

 

Zum Schluss dieses sehr interessanten Vortrages konnten die Schüler noch einige Fragen stellen, die der auf spanisch vortragende Dr. Aponte mit der Übersetzung von Herrn Klaus Schubert, dem Vorsitzenden der Jürgen-Wahn-Stiftung, ausführlich beantwortete. Nach einem gemeinsamen Foto verabschiedeten sich die Schüler von Dr. Aponte und Herrn Schubert mit dem Versprechen, sich auch in Zukunft für das Projekt der Casita amarilla einzusetzen.

 

Gerhard Born

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